Aktien-Bundesliga: Gewinne wegen belgischer Atommeiler

 

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Belgische Hochspannung hinter französischen Gerüchten um schrumpfenden deutschen Stromriesen

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Die Aktien-Bundesliga ist hypnotisiert. Das Gerücht ist dementiert. Die französische Engie S.A. will angeblich doch nicht bei RWE/Innogy in Essen einsteigen. Coole Anleger zahlen trotz des Dementis freiwillig 5 % mehr für RWE-Aktien und für Aktien der Teiltochter Innogy S.E. RWE baut den Vorsprung an der Tabellenspitze aus.

Für Aktien des schwerkranken Stromriesen RWE zahlen Anleger heute 24 % mehr als zu Jahresbeginn. Das ist enorm viel. Die höchst gesunde Weltfirma SAP kommt „nur“ auf 8 % Plus in derselben Zeit. Dass der frühere SAP-Finanzvorstand Werner Brandt jetzt Aufsichtsratschef des RWE ist und gleichzeitig „normaler“ Aufsichtsrat von Innogy; das hat mit dem abenteuerlichen Engie-Gerücht und mit der Tabellenführung des RWE vermutlich wirklich nichts zu tun. Brandts früherer SAP-Kollege Henning Kagermann ist heute Aufsichtsrat beim wirtschaftlich höchst gesunden Tabellenschlusslicht BMW. 6 % hat die BMW-Aktie seit Jahresanfang verloren.

Wackelmeiler verstrahlen „Wattikan“

Der gerüchteweise Deal mit Engie könnte nicht abwegiger sein; auch wenn coole Aktienprofis am 14.3. mal eben runde 500 zusätzliche Millionen aus dem Nicht-Deal herausgeholt haben. RWE rockt die Aktien-Bundesliga. Engie, früher Suez(Kanal), gehört zu mehr als einem Drittel dem französischen Staat. Würde Engie bei RWE/Innogy einsteigen, würde das eine Rückverstaatlichung der deutschen Stromerzeugung bedeuten. Solche Überlegungen spielen derzeit allenfalls am politischen Rand eine Rolle. Aus bitterer Enttäuschung über die seit fast exakt zehn Jahren megaschlechte Entwicklung des RWE-„Wattikan“ will sogar die RWE-Heimat- und Gründerstadt Essen ihre Aktien möglichst schnell loswerden.

Engie lässt Sirenen heulen

In Engie steckt seit zehn Jahren neben der großen Historie auch Elektrabel. Elektrabel ist der Betreiber der Wackelmeiler, die das deutsch-belgische Grenzland in ständigem atomarem Angstzustand halten. RWE und Millionen Menschen an Rhein, Ruhr und in RWE-Essen sind kaum mehr als 100 km weg. Bei lauem Wind braucht eine Wolke von Westen vielleicht zwei Stunden, bis die Sirenen über der Landeshauptstadt Düsseldorf und z.B. auch über „Wattikan“ heulen.

RWE überstrahlt Aktien-Bundesliga

Das alles hat Belgier und Franzosen bislang nicht erkennbar berührt. Es hat sie nicht mal berührt, dass die Ablieferungen aus den Wackelmeilern bei Aachen und Lüttich den Strompreis allgemein so tief gedrückt haben, dass Konkurrent RWE zuletzt mehr als 5 Mrd. € Miese eingefahren hat und dass Essen und viele andere Städte sowie  Hunderttausende Witwen- und Waisen-Aktionäre keine Dividende vom RWE bekommen können. Schwacher Trost: Aktien von Engie sind ebenfalls Langfrist-Looser wie die Papiere von RWE, bevor der 2017er RWE-Hype begann.

Braunkohle-Gas statt Belgier-Strahlen

In ihrer Heimat haben die Franzosen zuletzt einige Atommeiler vom Netz genommen; wegen Sicherheitsbedenken. Die Restlauftage der belgischen Meiler könnten ebenfalls jetzt angezählt sein. Schon ist jedoch Protest laut geworden; gegen mutmaßliche Pläne, ersatzweise Braunkohlestrom des RWE ins belgische Netz zu schicken. Statt Atomstrahlung hätte das Aachener- und Kölner Kohlerevier dann CO²-Gase einzuatmen. Braunkohleverstromer RWE freilich hätte seine Zukunft erst mal gesichert. Mitte Mai wird man wissen, wie schwach die Umwelt-Grünen in der neuen NRW-Landesregierung vertreten sein werden. SPD und CDU sind sich insoweit jedenfalls einig, dass die Arbeitsplätze im Braunkohlerevier erhalten werden müssen. D.h: Es wird noch auf Jahre Braunkohle-CO² in die Umwelt gefeuert werden. An RWE soll Engie aber gar nicht interessiert sein, sondern an Innogy. Das ist die Tochter für Decarbonisierung, also für den Abschied vom Kohlestrom.

 

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